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NDR-Bericht: Aufgekauften HSH-Schiffskrediten droht Totalverlust.

13 Januar 2017
von Dani Parthum

Es stimmt also, was Fachleute außerhalb der HSH Nordbank und der Landesregierung von Anfang an vermutet hatten: Die Schiffskredite, die Hamburg und Schleswig-Holstein der HSH Nordbank für 2,4 Milliarden Euro abgekauft haben, sind kaum etwas Wert. Totalverlust droht. Damit wären die 2,4 Milliarden Euro für die Steuerzahler*innen futsch.

Den Beleg dafür liefert der NDR in Kiel.

Streng vertraulich die Bewertung der Kredite

Die Kollegen der NDR 1 Welle Nord und des Schleswig-Holstein Magazins liegt der angeblich streng vertrauliche Bericht der Abwicklungseinheit der Nordländer, der hsh portfoliomagement AöR, zum 3. Quartal 2016 vor. Das ist der erste Quartalsbericht der Abwickler. Er zeichnet ein trauriges Bild.

Das Portfolio ging bekanntlich im Juni 2016 von der HSH Nordbank auf die portfoliomanagement über – für zusätzliche 2,4 Milliarden Euro. Zusätzlich deshalb, weil sie obendrauf auf die 10 Milliarden-Garantie der Länder kommen. Sie wird die HSH Nordbank nach eigenen Angaben komplett einlösen. (siehe meine Verlustabschätzung für das Desaster HSH)

Es droht also ein Totalverlust der 2,4 Milliarden Euro.

Ausfallwahrscheinlichkeit: 100%

Dem Quartalsbericht zufolge rechnet die portfoliomanagement bei einem Großteil des Portfolios mit einer „Ausfallwahrscheinlichkeit von 100%“. Genau genommen sind es 84% der übernommenen Schiffskredite, die komplett ausfallgefährdet sind.

Dazu kommen Kredite, die einen „akuten Handlungsbedarf“ haben und ebenfalls völlig ausfallgefährdet sind. Ihr Anteil am Portfolio beträgt 14%.

84% + 14% = 98%.

Was das bedeutet, erklärt im NDR-Fernsehbericht FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicky:

„Wenn man selbst erklärt, 98% dieses Portfolios werden ausfallen, dann weiß man: nur 2% sind in der Lage, Zinsen und Tilgung zu bedienen, d.h. wir werden dann von den 2,4 Mrd. Euro schon nach Einschätzung aus diesem Bericht maximal eine Größenordnung von 40 Mio. Euro zurückbekommen. Und das ist doch bitter.“

Und das nach einem Viertel Jahr, nachdem die Kredite gekauft worden sind.

Hintergrund soll jedenfalls die anhaltende Krise auf den Schifffahrtsmärkte sein. Alle 252 übernommenen Schiffe der portfoliomanagement kämpfen, so der Quartalsbericht, „mit einem Einbruch der Charterraten über alle wesentlichen Größenklassen.“ Deshalb sei mit „Forderungsverzichten“ zu rechnen. Das heißt nichts anderes: Die Reeder können auf einen Schuldenschnitt hoffen.

Ein interessanter Vorgang. Er suggeriert, dass bis Juni 2016 die Märkte zwar schlecht liefen, aber jetzt, just nach Übernahme der Kredite, ging es prognostisch und faktisch bergab. Heftig bergab, siehe Einbruch. 

Prognosen, die nicht eintraten

Die Abwickler stützen ihre Prognose für die Entwicklung der Charterraten auf Daten der Maritime Strategies International Ltd, kurz: MSI. Auf diese Datenanalysten verließ sich auch die HSH Nordbank. Die Prognosen, die sie zur Entwicklung der Schifffahrtsmärkte seit 2009 öffentlich abgaben, trafen aber nicht zu. Sie waren viel zu positiv. Von Fachleuten wurde das auch thematisiert.

In der Anhörung vor dem Haushaltsausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft zur Wiedererhöhung der 10-Mrd.-Garantie 2013 kritisierte Prof. Martin Hellwig vom Max-Planck-Institut: „Die Einschätzungen der Bank zur weiteren Entwicklung der Schifffahrtskrise sind unrealistisch.“

Wurden also die Werte der zu übertragenen Schiffskredite schön gerechnet, wie es die HSH Nordbank seit 2009 mit ihrem Schiffsengagement getan hat? Denn klar ist: Die Landesregierungen verließen und verlassen sich (immer noch!) auf das „Know How“ der HSH Banker, obwohl sie die Bank (mit)ruiniert haben und sie ihre Modell- und Prognoserechnungen nicht nachvollziehbar öffentlich belegen. 

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, pwc, hatte den Wert der Schiffskredite zu Mitte 2016 bestätigt.

Und dann, just ein viertel Jahr später, sollen neue Prognosedaten auf Basis desselben Anbieters so drastisch einbrechend sein? Hier drängt sich mir jedenfalls der Eindruck auf: Da stimmt etwas nicht.

War da nicht noch die positive Fortführungsprognose?

Und da war noch etwas anderes: Monika Heinold, Finanzministerin in Kiel, sprach beim Übertrag der 2,4 Milliarden Schiffskredite, die meisten der dahinter stehenden Schiffe hätten eine positive Fortführungsprognose.

Zu diesem Schluss sei jedenfalls die beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers gelangt. Und deshalb sei der Kaufpreis von 2,4 Milliarden Euro gerechtfertigt.

Was heißt eine positive Fortführungsprognose? Laut pwc sind Schiffe „Fortführungsfähig“, wenn entweder

  • keine Verwertung des Schiffes absehbar ist, es also demnächst weder verkauft noch verschrottet werden soll
  • für 2 Jahre genug Geld da ist, um laufende Betriebskosten zu decken
  • es abzusehen ist, dass das finanzierte Schiff in den nächsten 2 Jahren rentabel betrieben werden kann. 

Wenn eines dieser Kriterien erfüllt ist, hat es den Stempel „Fortführungsfähig“ gegeben.

Die meisten Kredite sind offenbar erst nach der Sanierung fortführungsfähig

Im Quartalsbericht allerdings sieht die Realität anders aus. Dort wird das „Engagement vor Sanierung“, das ist ein anderes Wort für die Kredite, als „leistungsgestört“ beschrieben, mit „eingeschränkter Kapitaldienstfähigkeit“ und „drohender Insolvenz„. Das aber wären per Definition von pwc alles keine Schiffe mit einer positiven Fortführungsprognose. Denn die dürften in den nächsten 2 Jahren weder insolvenzgefährdet noch kapitaldienstunfähig sein.

Klingt, als hätte hier jemand jemand anderen an der Nase herumgeführt.

Und vieles ist geheim

Warum die Quartalsberichte der Abwickler der hsh portfoliomanagement AöR als Geheimsache eingestuft wurden (und dann doch in Teilen gestern in einer Drucksache veröffentlicht wurden), wird nicht mit einer Rechtsvorschrift belegt. Weder im Staatsvertrag noch in der Satzung des poma gibt es eine Pflicht zur Nichtpublizität der Berichte.

Selbst um den Prüfungsvermerk von PricewaterhouseCoopers zum Übernahmepreis des Schiffskreditportfolios hatte die Landesregierung eine Heimlichtuerei veranstaltet und ihn als „streng vertraulich“ gestempelt. Nur wenige Abgeordnete durften ihn im stillen Kämmerlein einsehen, dem so genannten Tresorverfahren. Ein für gewählte Volksvertreter völlig respektloses Verfahren, wie ich finde.

Regressforderungen gegen Wirtschaftsprüfer?

Die FDP in Hamburg regierte auf die schlechten Nachrichten aus der Abwicklungseinheit der Länder mit einer Forderung an Hamburgs Finanzsenator Tschentscher. Er solle „dringend die Möglichkeit nach Regressforderungen gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ausloten“, schreibt der Abgeordnete Michael Kruse in einer Stellungnahme. Und: Es müsse geprüft werden, „ob der Senat seinen Verpflichtungen nachgekommen ist. Die Vorgänge rund um den Ankauf von faulen Schiffskrediten müssen von einem unabhängigen Gutachter geprüft werden.“

Da bin ich gespannt. Ein 2,4 Milliarden drohender Totalverlust innerhalb weniger Monate ist auf jeden Fall ein Grund, um die Vorgänge zu prüfen. 

 

Dokumente und weitere Berichte:
Quartalsbericht der hsh portfoliomanagement AöR: siehe dazu Drucksache der Landesregierung Schleswig-Holstein mit Teilen des Berichts, besonders interessant ist Seite 16

P.Baab und E. Lüthje: HSH Nordbank: Droht der Totalausfall?

Anhörung: Prof. Martin Hellwig zur Wiedererhöhung der Garantie

 

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