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Entscheidet kreative Finanzmathematik über Urteil im Untreueprozess?

30 April 2014

Mathematik mit einem Lächeln

Prof. Martin Hellmich ist eine Frohnatur. Der Mathematiker und Verbriefungsexperte wehte am 53. Verhandlungstag — etwas verspätet – gegen 10:30 Uhr mit Elan und einem Lächeln im Gesicht in den Gerichtssaal. Das Gericht hatte ihn noch einmal geladen, weil es ihm als Sachverständigen einen Zusatzauftrag gegeben hatte. Hellmich lehrt an der Frankfurt School of Finance. 

Ohne „financials“ bitte!

Der Zusatzauftrag lautete sinngemäß: Wie sähe der Wert der 400-Mio-Verbriefung aus, wenn keine „financials“ drin gesteckt hätten, also Anleihen von Banken, die 2009 reihenweise ausfielen, weil die Banken in der Finanzkriese teilweise insolvent wurden. Die Verbriefung, wie sie in der Vorstandsvorlage für Omega 55 beschrieben wird, soll auf dem Papier so konstruiert gewesen sein, dass sie keine Bankwerte enthält, sondern nur Anleihen von Unternehmen und Staaten — „corporates and sovereigns“. Tatsächlich aber steckten doch Finanzanlagen von Banken drin. Es ist aber immer noch strittig, was in der HSH unter „corporates“ gefasst wurde – NUR Unternehmen oder AUCH Banken. Oder liefen Banken IMMER separat als „financials“ bei der HSH? 

Hellmich hatte zuvor den Wert der Verbriefung zu den Stichtagen 21.12.2007 und 24.1.2008 berechnet, das ist zum einen der Tag der Unterschrift der Vorstände und zum anderen der Tag, an dem der Vertrag zu Teil-B unterzeichnet wurde.  

Für den Ergänzungsauftrag sortierte Hellmich aus der 400-Mio-Verbriefung also Banken, Versicherungen und Finanzmakler aus — von 161 Titeln immerhin 50 Titel — und sortierte ausgewählte Firmen rein.   

Auch ohne „financials“ besteht ein Millionenverlust

Seine neuen Ergebnisse unterscheiden sich — wenn ich das richtig notiert habe — vor allem beim Stichtag 24.1.2008 von der Ursprungszusammensetzung der Verbriefung, nicht aber zum 21.12.2007:

Am 21.12.2007, an dem der letzte Vorstand Omega 55 unterschrieben hat, weist die neue Rechnung ebenfalls einen Verlust von etwa10 Millionen Euro aus, wie schon die erste Rechnung.

Zum 24.01.2008, als der Vertrag zwischen HSH und BNP P unterschrieben wurde, wäre der Verlust mit -9,38 niedriger ausgefallen als vorher — aber auch das entspricht in absoluten Zahlen einem Verlust von rund 27 Millionen Euro.

Zumindest wiederum theoretisch.

Ohne Modellfehler durchaus „marktüblich“ 

Denn auch bei dieser Rechnung gilt, wie schon bei der ersten:  wenn „Modellfehler“ zugunsten der HSH berücksichtigt werden, ergibt sich zum 21.12.2007 für die 400-Mio-Verbriefung in Teil-B ein Wert, der „im Großen und Ganzen in-line“ war, so der Sachverständige Hellmich bei seiner ersten Einschätzung. Was das genau bedeutet, bleibt Auslegungssache.  

Der Verlust zum 24.1.2008 ist und bleibt aber ein unverrückbarer Verlust. Mathematiker Hellmich betonte aber, dass bei einem Derivat von 400 Millionen Euro ein Verlust von 27 Millionen „nicht viel“ ist, den hätte eine Bank „durchgetragen“ in bessere Zeiten. Ob das allerdings eine Rolle spielt, ob ein Verlust viel oder nicht viel und damit ein großer oder kleiner Vermögensschadens eingetreten ist? Schaden bleibt ja Schaden.  

Auf Nachfrage eines Verteidigers ergänzte Hellmich später, dass seiner Ansicht nach das wirtschaftiche Risiko von Omega 55 zum 21.12.2007 bei der HSH entstanden ist.   

Am Ende von Hellmichs Vortrag schienen Angeklagte und Verteidiger durchaus heiterer Stimmung zu sein. Nachvollziehen konnte ich das nicht. Denn bei mir ist nach all der Finanzjongliererei ein schales Gefühl zurückgebliegen. Denn: 

Finanzmathematik hat Bankenkrise erst möglich gemacht

Ohne die fortgeschrittene Finanzmathematik wäre es nicht zur seit 6 Jahren grassierenden Finanz- und Bankenkrise gekommen — und damit nicht zur Beinahpleite der HSH Nordbank, der Milliardenrettung der Bank durch die Bürger und folglich auch nicht zu einem Untreueprozess gegen die 6 früheren HSH-Bankvorstände. 

Es ist Ironie, dass ein Vertreter der sich selbst gegenüber unkritisch auftretenden Disziplin Finanzmathematik, der in seiner aktiven Bankerzeit sicher viel komplexere Finanzkonstrukte kreiert hat als Omega 55, bei der Bewertung eines komplexen Finanzgeschäft feststellt: Ja, es hat rechnerisch einen Vermögensverlust in Millionenhöhe gegeben. Weil die Rechnung aber auf einem Modell fußt und Modellen Fehlern innewohnen, seien diese herauszurechnen – ebenfalls in Millionenhöhe.  

Und dann fällt ein modellhaft errechneter Vermögensverlust eigentlich nicht mehr wirklich ins Gewicht.

???

Hexenküche statt Präzision

Vager geht es fast nicht. Mathematik ist für mich eine exakte Wissenschaft. Am Ende einer langen Formel steht hinter dem Gleichheitszeichen eine Zahl. Unverrückbar. Unbestechlich. Eindeutig. Die heutigen mathematischen Finanzjongleure produzieren aber Modellzahlen, die aus einer Hexenküche zu stammen scheinen.    

Können solche groben Aussagen wirklich Mit-Grundlage eines Urteils sein? Müßte ein Vermögensschaden, der zum Tatbestand der Untreue gehört, nicht exakt beziffert werden? Vielleicht muss er das ja.  

Aber auch wenn nicht. Liegt darin vielleicht schon ein Vermögensnachteil, wenn im Zeitpunkt eines Vertragsabschlusses die Entscheider den exakten Wert eines Finanzanlagegeschäfts nicht kennen? Oder liegt vielleicht ein Vermögensschaden darin, dass Teil-A der Transaktion von vornherein nicht wirksam war zum 31.12.2007, weil aufsichtsrechtliche Regeln nicht erfüllt wurden, für Anbahnung und Abschluss aber Kosten in Millionenhöhe angefallen sind?

Und wieso muss ein Vermögenswert, also ein Preis, auch erst ERRECHNET werden in einem funktionierenden Risikomanagementsystem, das die Nordbank angeblich zu dieser Zeit hatte? Nach meinem Verständnis müssten solche Werte täglich gebildet und dokumentiert werden und wären demzufolge sehr einfach aus dem Controlling-Archiv abzurufen. Sind sie aber nicht. 

   

Fragen über Fragen. Wichtige Fragen. Das Gericht hatte allerdings kaum noch eine Frage an den Gutachter. Die Verteidiger ebenfalls nicht. Die eine Seite will die Ergebnisse vielleicht nicht detailliert durchgehen, die andere braucht es nicht …     

Es ist und bleibt ein facettenreicher, intellektuell äußerst anspruchsvoller und spannender Wirtschaftsstrafprozess — für die Angeklagten und ihre Verteidiger ein nervenaufreibender dazu.   

Am Ende bedankte sich jedenfalls der Vorsitzende Richter Tully bei dem Mathematiker Martin Hellmich für die „für einen Strafprozess durchaus unterhaltsamen Ausführungen“. 

 

PS: Ich übernehme keine Gewähr für die in diesem Bericht veröffentlichten Zahlen. Mir ist es nicht möglich, sie nachzulesen. Ich kann sie nur beim Hören mitschreiben. Den Gutachter darf ich nicht ansprechen. 

2 Kommentare Auch mitreden →
  1. bescheidwisser permalink
    5. Mai 2014 @ 21:25

    Ehrlich gesagt finde ich den Fokus des Gerichts auf die Frage „Corporates gleich (auch) Banken“ oder „Corporates ungleich Banken weil Financials“ ein wenig am Ziel vorbeigeschossen, wenn man mal schaut, welche Berge an Versäumnissen der Prozess ansonsten aufgedeckt hat. Aber wahrscheinlich ist es der Versuch, ausgehend von der Vorstandsvorlage ein dem Vorstand zurechenbares Versäumnis zu belegen.

    Die Vorstellung, die Mathematik würde auch für den Bereich der Bewertung komplexer Finanzderivate so exakte Lösungen liefern wie die Gleichung 2+2=4 in etwa, ist zwar verlockend, aber irreführend. Grundregel für die Bewertung ist, dass der heutige Marktwert dem abgezinsten Wert zukünftiger Cashflows (=Geldzuflüsse) entspricht. Nur – woher weiss man, welche Cashflows zukünftig fliessen? Darüber kann man nur Schätzungen mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung anstellen. Dieses Teilgebiet der Mathematik heisst passenderweise Stochastik (=“Kunst des Vermutens“, „Ratekunst) und zeigt in der Übersetzung damit schon, worum es geht. Falls am Ende dann doch eine Zahl ausgeworfen wird, dann wird schnell vergessen, auf welcher Pyramide von Annahmen das Ganze balanciert. Hauptsache die Zahl ist da.

    Die Bewertung von Konstrukten wie Omega 55 bewegen sich dabei in den Randbereichen, was die Modelle überhaupt hergeben. Vergleichspreise sind nicht frei verfügbar und falls doch, bilden sie nur wenige und vermutlich nicht vergleichbare Transaktionen ab. Insofern liegt Prof. Hellmich richtig, wenn er auf diese Unsicherheiten hinweist. Sie sind bei dieser Art von Finanzprodukten Teil des Geschäftes (gewesen), was man angesichts der Aussicht auf Rendite alles hingenommen hat.

    • 6. Mai 2014 @ 8:16

      Ich hatte in der Tat gehofft, die unbestechliche Mathematik bringt mal eine „einfache“ Aussage in diesen höchst komplexen Prozess …
      Was sie aber gezeigt hat ist, auf welch wackeliger Basis Banken weltweit Geschäftsentscheidungen treffen. Ein Industrieunternehmen könnte sich das nicht erlauben.

      Im Grunde ist die Tatsache verrückt, dass ein Vorstand ein 400-Mio-Derivat genehmigt, von dem es den Marktwert nicht kennt, wohl wissend, dass das „Ding“ ständig im Wert schwankt und damit Verluste für das Institut wahrscheinlich sind.

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