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Ein flüchtiger Moment der Wahrhaftigkeit?

4 September 2013
von Dani Parthum

Seltene Stille

Es war einer dieser – bisher wenigen – Momente im Plenarsaal des Hamburger Landgerichts, bei denen es plötzlich still im Raum wird und eine spannungsgeladene Ruhe eintritt.

Am 4. September nachmittags gab es so einen Moment bei der Befragung der Zeugin Sirka H. 

Die auf der Zeugenbank platzgenommene ehemalige HSH-Mitarbeiterin H. war Ende 2007 Koordinatorin DER Abteilung, die neue Geschäfte (intern genannt: „Produkte“) nach bestimmen Kriterien zu prüfen hatte, bevor diese Geschäfte von Bereichsleitern oder dem Vorstand genehmigt und abgeschlossen werden durften. An diesem Prüfprozess sind z.B. das Risikomanagement beteiligt, das Rechnungswesen, die Rechtsabteilung und das Backoffice. Alle sehen sich das Geschäft aus ihrer Brille an und geben ihre Meinung darüber ab.

Die Zeugin hatte am 13. Prozesstag gerade erzählt, dass sie und ihre Mitarbeiter bei der Prüfung des A-Teils von Omega 55 ein Standardverfahren angewandt hatten, weil sie zu der Zeit noch mit einer Vielzahl weiterer „neuer Produkte“ beschäftigt war.

Richter Bruns fragte sie daraufhin, worin denn eigentlich der Sinn dieses Prüfverfahrens für den Vorstand liege? (Das Ergebnis dieses Prüfprozesses lag der Vorstandsvorlage von Omega 55 bei). Diese Frage von Richter Bruns klingt naiv. Ist sie aber überhaupt nicht. Denn nur wer den Sinn seiner Arbeit kennt, handelt letztlich bewusst und mit der nötigen Sorgfalt.

Die Zeugin antwortete nicht

Darauf wurde es im Saal still und immer stiller. Das Gericht wartete. Die Staatsanwaltschaft blickte auf. Und ich als Beobachterin dachte: Kommt jetzt mal die Wahrheit auf den Tisch?  

Zeugin H. in die Stille: „Ich überlege gerade, ob ich hier meine persönliche Meinung sagen soll …“ Richter Bruns ermuntert sie sofort sinngemäß: „Ja … auch … “

Weiter kam er allerdings nicht, denn einer der Verteidiger hakte in die nachdenkliche Stille und machte eine Bemerkung. Damit war der Moment zerstört. Dieser Moment des Nachdenkens der Zeugin H., der Suche nach der Sinnhaftigkeit eines der wichtigsten Arbeitsschritte in der HSH Nordbank, bevor ein umfangreiches und riskantes Finanzgeschäft abgeschlossen wird. Was für eine vertane Chance.

Entsprechend sauer war Richter Bruns. Und ich war es auch.

Denn warum hatte die selbstbewusst auftretende Zeugin so lange mit einer Antwort gezögert? Konnte sie wirklich nicht den Sinn ihres Jobs erklären, also das, was sie einige Jahre lang getan hat? Diese Schlussfolgerung scheint mir eher unwahrscheinlich.

Prüfaufgabe ohne Sinn?

Zeugin H. ist Betriebswirtin und hatte vor diesem Prüf“job“ komplizierte Geschäfte „strukturiert“, sich also ausgedacht. Was war es also dann? Wollte sie nicht sagen, dass sich der Vorstand damit absichert? Falls etwas schief gehen sollte, wären die Mitarbeiter verantwortlich? Oder fand sie, dass das Ergebnis der Prüfung, also ihrer Arbeit, vielleicht gar nicht wirklich wichtig war für die Vorstände und andere Entscheider – weil sie ohnehin so entschieden, wie sie es für richtig hielten?

Die Antwort der Zeugin H. hätte eine sehr aufschlussreiche Innenansicht in die Bank gegeben. Die Verteidigung hat das zerstört.

Nach dem Wortwechsel von Richter Bruns und Verteidiger (von Nonnenmacher oder Strauß) hatte sich Zeugin H. wieder gefangen, und erklärte routiniert, dass diese Prüfung eine Vorgabe der Bankenaufsicht ist, eine Vorgabe der Mindestanforderungen für das Risikomanagement (MaRisk). Immer dann, wenn die Bank ein neues Finanzgeschäft eingehen will, muss der jeweilige Marktbereich, also z.B. die Immobiliensparte oder Schifffahrtssparte in einem „Produktkatalog“ nachsehen, ob die Bank dieses Geschäft schon einmal abgeschlossen hat. Wenn nicht, muss es erst geprüft werden, durch Mitarbeiter wie Zeugin H.

Das heißt: Dieser Prüfvorgang ist einer der bedeutendsten in der Bank. Die Abteilung, die dafür zuständig ist, heißt: Neue-Märkte-Neue-Produkte, kurz NPNM. Zeugin H. war Koordinatorin in dieser Abteilung.

Mehr zur Aussage der Zeugin S.H. am 12. und 13. Prozesstag lesen Sie hier: Ohne Prüfung: der ominöse Teil-B von Omega 55.
 

Ein Kommentar Auch mitreden →
  1. bescheidwisser permalink
    11. September 2013 @ 17:22

    Das spricht für sich selbst, oder ?

    Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Zeugin Sirka H. sich nicht an den offiziellen Sinn der NPNM-Prüfung erinnern konnte, denn nach der „Pause“ konnte sie ihn ja scheinbar fehlerfrei darlegen.

    Das Gericht scheint sich damit nahe an den Kern der Sache bewegt zu haben, denn in den entsprechenden Vorgaben der MaRisk werden ausdrücklich die Geschäftsleiter (der Vorstand) in die Pflicht genommen, über die Einführung eines neuen Produktes zu entscheiden. Auch nach Einführung des neuen Produktes müssen die Prozesse der Bank, die beispielsweise die Risikosteuerung, aber auch die korrekte Bilanzierung (Nonnenmacher) gewährleisten, weiterhin fehlerfrei funktionieren.

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