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Parteigutachter Glüder: „Omega war Ende 2007 für HSH ein günstiges Geschäft.“

28 Januar 2014

Eigentlich hätte der vom Gericht bestellte Sachverständige Christoph Hultsch, Wirtschaftsprüfer bei Ernst&Young, sein Gutachten weiter vortragen sollen. Es wäre sein vierter Tag gewesen. Aber er war terminlich verhindert. Deshalb erhielt heute, am 38. Prozesstag, die Verteidigung Gelegenheit, ihren eigenen Gutachter befragen zu lassen.

Die Verteidigung von Peter Rieck schickte Dr. Dieter Glüder, ins Rennen, Vorstand bei der IKB in Düsseldorf.

Dieter Glueder

IKB-Vorstand Dr. Dieter Glüder

Ein Vorstand der ersten Finanzkrisen-Pleitebank als Gutachter

Sie erinnern sich? Mit der IKB kam die Finanzkrise sichtbar für alle in Deutschland an — denn das ist die Bank, die als erste fiel, mit Milliarden-Verlusten, und die nach ihrer Rettung durch die deutschen Steuerzahler für ein Mini-Geld an den US-Finanzinvestor Lone Star verscherbelt wurde.

Die IKB gehörte bei ihrer rasselnden Pleite im Juli 2007 zu einem Teil der KfW, der Kreditanstalt für Wiederaufbau, einer Bank im Besitz der öffentlichen Hand und die eigentliche Arbeitgeberin von Dr. Dieter Glüder. Er wurde, als die IKB kippte, als Feuerlöscher dorthin delegiert. Wieso ausgerechnet er? Weil Dr. Glüder bei der KfW das Finanzkonstrukt „Verbriefungen“ stark gemacht hat. Also solche Geschäfte, an denen sich u.a. die HSH, die WestLB, Lehman Brothers verhoben hatten — und eben auch die IKB.

Erfahrung mit „Verbriefungen“ wie Teil-B

Und aus diesem Grund hat ihn auch der Verteidiger von Peter Rieck, Norbert Gatzweiler, „eingekauft“, wegen seiner umfänglichen Erfahrung mit „Verbriefungen“. Denn Teil-B von Omega zählt zu den „Verbriefungen“; es handelt sich um eine Single Tranche Collaterialized Debt Obligation.

Glüder hatte an diesem Montag nach der Mittagspause 2,5 Stunden Zeit, über sein Gutachten zu sprechen. Vorher mussten Verfahrensfragen zu seiner Person und dem Gutachterauftrag geklärt werden. Glüder kam aber nicht weit. Denn auch sein Vortragsstil ist gewöhnungsbedüftig. Spricht der vom Gericht bestellte Sachverständige Christoph Hultsch etwas zu schnell, berichet der Gutachter der Verteidigung zu langsam und auschweifend.

IKB-Vorstand kommentiert ungefragt Gerichtsgutachter

Dazu begann Dieter Glüder seine Rede damit, dass er die ersten Sätze des Gutachtens von Christoph Hultsch zitierte, um diese gleich darauf zu kommentieren, statt über seine eigenen Einschätzungen Bericht zu erstatten. So ging das die erste Stunde. Er zitierte Einschätzungen des Gerichtsgutachters Hultsch und bewertete sie.

Eine eigenartige Vorstellung. Woher nimmt der IKB-Vorstand das Recht, im Zeugenstand zu sitzen und den Kollegen zu bewerten?

Ist das nicht Sache des Gerichtes, frage ich mich? Außerdem hieß sein Auftrag von Seiten der Verteidigung, kurz und sinngemäß zusammengefasst: Welche Chancen und Risiken sind aus der Vorstandsvorlage für Omega 55 herauszulesen, und wie sind sie zu bewerten? 

Nachdem Dieter Glüder zu einigen der vom Gerichtsgutachter Hultsch angesprochenen Informationsdefizite in der Vorstandsvorlage zu Omega seine Meinung gesagt hatte, sprach er über die Wirtschaftlichkeit der Transaktion … und referrierte sich dann durch zwei Seiten der Vorstandsvorlage. 

Darauf war u.a. eine umfangreiche Tabelle der Ratingagentur Standard&Poors zu sehen mit Ausfallprognosen von verbrieften Finanzvehikeln. Diese stufte Parteigutachter Glüder als absolut informativ ein. Mit diesen Tabellen sei „eindeutig nachweisbar“, dass es sich bei Omega 55 um ein „defensives Investment“ gehandelt hat. D.h. mithilfe dieser Prognosetabellen hätten sich die Vorstände „intensiv mit dem Ausfallrisiko vom Omega beschäftigt“.

Aus den Tabellen geht nicht hervor, aus welchen Jahren die Ausfallwahrscheinlichkeiten stammen. Ausfallwahrscheinlichkeiten speisen sich ja aus Daten der  Vergangenheit … und wie aussagekräftig sind Daten aus Jahren, in denen es nur bergauf ging, oder aus den 80er Jahren?      

Glüders wichtigste Erkenntnisse zu Omega 55, Teil 1

  • eine Vorstandsvorlage gibt die Eckdaten eines Geschäftes wieder, das unterschreibt ein Vorstand unter bestimmten Bedingungen und diese müssen die Mitarbeiter dann umsetzen
    = Vorstände treffen eine Grundsatzentscheidung
    Wieso? Weil Kosten sonst zu hoch wären, wenn alles schon vorher festgezurrt ist, bevor Vorstand zeichnet
    Glüder führt u.a. an, dass die Gründung von 3 Zweckgesellschaften, wie für Omega 55, bis zu 500.000 Euro (!) kostet und ein Rating einer Ratingagentur teilweise Millionen
  • in Vorstandsvorlagen für Verbriefungen wie Teil-B von Omega stünden gewöhnlich Details nicht drin, die der Gerichtsgutacher Hultsch einfordert, wie Risiken und Interessen der Gegenseite sind zu anlysieren, die Transaktionskosten sind zu beziffern, Term Sheets müssen beigefügt sein und wirtschaftlich unvorteilhafte Kriterien gelistet werden
    — Kommentar Glüder dazu: „Habe ich noch nicht gesehen in Vorstandsvorlagen.“
  • für Bewertungen, Einschätzungen seien die Fachabteilungen zuständig, nicht die Vorstände
  • Vorstände kannten Verbriefungen wie Teil-B von Omega, deshalb war es nicht wichtig, dass das erklärt wird
  • auch die Liquiditätsfaszilität, den „Dispo“, den die HSH quasi der BNP Paribas eingeräumt hat, kannten die Vorstände als Konstrukt schon, musste deshalb auch nicht erläutert werden in Vorstandsvorlage
    (Glüder weiß allerdings nicht, was die Vorstände wissen, er findet aber: wenn die Vorstände schon einmal eine Faszilität genehmigt haben, dann kennen sie sowas … )
  • Glüder ist zudem davon überzeugt, dass es bei Verbriefungen Standards gibt und dass nur Abweichungen von diesen Standards in eine Vorstandsvorlage gehören
    welche Standards das sind, konnte er auf Nachfrage nicht genauer spezifizieren
    (Gerichtsgutachter Hultsch hatte dazu gesagt: jede Verbriefung sei anders, Standardisierungen gebe es nicht)
  • Omega sei zum Jahresende 2007 ein günstiges Geschäft für die HSH gewesen, das hätten seine Wirtschaftlichkeitsüberlegungen aus der Vorlage ergeben, weil die HSH mit Teil-A Kapitalkosten einsparte
    Teil-B hat Gutachter Glüder nicht mit in die Betrachtung einbezogen 

 

Über den letzt genannten Punkt stolperten die Richter, denn der Gerichtsgutachter Hultsch hatte Omega 55 als von „vornherein nachteiliges Geschäft für die HSH“ bezeichnet. Richter Bruns fragte gefühlt 5 Mal nach bei Glüder, wie denn die Wirtschaftlichkeit von Omega als GANZES aussähe? Teil-A UND Teil-B. 

Skurile Antworten auf Richterfragen

Eine Antwort erhielt Richter Bruns nicht. Glüder wollte oder konnte nicht sagen, wie sich Omega Teil-A UND Teil-B im Zusammenspiel wirtschaftlich auswirkten laut Vorstandsvorlage. Er argumentierte nur mit Teil-A, ohne die vom Gerichtsgutachter angesprochene Natur des Kreislaufgeschäftes einzubeziehen oder anzusprechen. 

Dabei war die Frage definitiv zu verstehen.

Bruns brach schließlich ab, obwohl selbst Verteidiger Gatzweiler versuchte, vermittelnd einzugreifen. Glüder referrierte schließlich weiter …

Ratlosigkeit nach Auftritt des Parteigutachters

Mich hat der Auftritt von Dr. Dieter Glüder ratlos zurückgelassen. Er kommentiert ungefragt die Ergebnisse des vom Gericht bestellten Sachverständigen, umreißt weder detailliert seinen Gutachterauftrag, noch liest er die an ihn gestellte Fragestellung vor.

Bei seiner Berichterstattung ging er auch nicht methodisch vor, Zahlen und genutzte Daten belegte er nicht oder sagte auf Nachfrage sinngemäß: „Die habe ich aus dem Gutachten von Christoph Hultsch, und ein Wirtschaftsprüfer wird schon mit den richtigen Zahlen arbeiten.“… Seine Aussagen stehen größtenteils konträr zum Gerichtsgutachter.

Glüder als großer Verfechter von Verbriefungen

Seine Vita löst bei mir zudem Zweifel aus, dass er sich ein distanziertes Bild vom Geschäft Omega 55 machen kann, weil er Verbriefungen wie Teil-B seit einem Jahrzehnt in Deutschland protegiert.

IKB-Vorstand Glüder gehört zu den Männern und Bankern, die in Deutschland das Finanzkonstrukt „Verbriefung“ salonfähig gemacht haben — gemeinsam mit dem damaligen Staatssekretär im Bundesfinanzministerium Jörg Asmussen, der 2007 auch im Aufsichtsrat der IKB saß (Asmussen war später Staatenretter, EZB-Direktor, jetzt ist er im Arbeitsministerium Staatssekretär). 

Wie man heute weiß, waren „Verbriefungen“ mitverantwortlich für den Beinah-Zusammenbruch des deutschen Bankensystems 2008 / 2009, wenn die Bundesregierung den fallenden Banken nicht Milliarden an Steuergeldern überwiesen und sie mit weiteren hunderten Milliarden Garantien gestützt hätte.  

Verbriefungen Brandbeschleuniger der Finanzkrise

Glüder hat nach eigener Auskunft im Jahr 2004 als Führungskraft der staatseigenen KfW die True-Sale-Initiative TSI (heute TS-International GmbH) mitbegründet — eine Art Vertriebsplattform für Verbriefungen, mit im Boot: Jörg Asmussen (der dazu vor der Krise einen interessanten Aufsatz schrieb) und 13 Banken wie die HSH Nordbank, die Commerzbank und die Deutsche Bank.

Diese Plattform funktioniert so: die KfW kauft Banken wie den Landesbanken Mittelstandskredite ab. Diese schnürt sie dann zu Paketen, die sie wiederum in Unterpakete zerteilt und diese Unterpakete (=Tranchen) an Investoren, meist wieder Banken verkauft.

Was im Kleinen vielleicht mal sinnvoll sein mag, war im Weltmaßstab verheerend. Die TSI hat den deutschen Banken aber suggeriert — gestützt durch das Bundesfinanzministerium und damit die Bundesregierung:  Verbriefungen sind eine gute Sache. Greift zu! Und das taten die Banken dann auch — auch weltweit bei abgebrühten Investmentbankern — und holten sich unbeherrschbare Risiken in die Häuser.

Unabhängigkeit geht anders 

Auch Glüders Nähe zur HSH Nordbank und BNP Paribas wirft Zweifel an seiner Unabhängigkeit und Unparteilichkeit auf.

Glüder unterhält als IKB-Vorstand Geschäftsbeziehungen zu beiden Instituten und auch als KfW-Führungskraft hatte er diese über seine Tätigkeit als Verbriefungsexperte. Ulkig: Die Anwälte Gatzweiler und Münchhalffen hatten beim Gerichtsgutachter Hultsch kritisiert, dass der Wirtschaftsprüfer mit der TSI GmbH lose verbunden ist (er hält dort ab und an mal einen Vortrag). Dabei ist ihr eigener Sachverständiger Gründungsmitglied eben jener TSI-Plattform-Gesellschaft. … ?  

Glüder selbst sieht sich trotz seiner Nähe zur TSI, HSH Nordbank und BNP Paribas als unabhängig; nein, seine Unabhängkeit sei deswegen nicht beeinträchtigt, antwortet er auf die Frage des Vorsitzenden Richters Tully.

Mit Auftraggeber Gatzweiler Verständlichkeit besprochen 

Der IKB-Vorstand hat sich nach eigener Aussage wegen des Gutachtens auch zweimal mit seinem Auftraggeber Gatzweiler getroffen, um sein Gutachten „zu besprechen“. Er habe „Rückmeldung“ erhalten, ob das Gutachten „verständlich“ sei, sagte Glüder. Einen ersten Entwurf habe er im April 2012 an Gatzweiler gesandt, insgesamt bis zu drei Vorversionen will Glüder erstellt haben. Staatsanwalt Wegerich fragt daraufhin, ob er die entsprechenden eMails erhalten könne.

Parteigutachter Glüder gibt mir aber noch weitere Rätsel auf, z.B. wieso die Verteidigung VOR Prozesseröffnung offenbar die Anklageschrift plus Teile der Prozessakte auf DVD an den Banker schickte, obwohl der ein unbeteiligter Dritter und nicht zur Geheimhaltung verpflichtet ist. Ist das mit der Strafprozessordnung wirklich vereinbar, wo doch in den Prozess-Akten unglaublich viele  Persönlichkeitsrechte zu wahren sind?   

400 Euro Stundenlohn 

Dieter Glüder hat nach eigener Aussage für seine Tätigkeit als Parteigutachter bisher schätzungsweise 48.000 Euro in Rechnung gestellt für rund 100 Stunden Gutachtertätigkeit, etwa 13 Tage (Honorar: 400 Euro pro Stunde netto).

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  1. bescheidwisser permalink
    28. Januar 2014 @ 22:17

    Hier soll offenbar Entlastung erfolgen, durch den „Bock“, der sich als „Gärtner“ ausgibt. Ich hätte nach dem von Ihnen geschilderten Ablauf auch erhebliche Zweifel an der Objektivität des Sachverständigen. Aber das wird sicherlich auch das Gericht entsprechend können.

    Seltsam, dass der Sachverständige meint, über Risiken und Interessen der Gegenseite der Transaktion – soweit ermittelbar – sei der Vorstand in der Vorlage nicht zu informieren. Es kann ja sein, dass er so etwas noch in keiner seiner Vorlagen gelesen hat.
    Aber ihm sollte als Vorstand der IKB seit dem 30.07.2007 ja hinreichend bekannt sein, welche massiven Interessenkonflikte es bei Verbriefungstransaktionen geben kann. Ihm ist sicher der Fall des CDO Abacus 2007-AC1 noch geläufig, den Goldman Sachs im Jahre 2007 so strukturierte, dass ihr Nutzen und der eines Hedgefund-Managers maximiert wurde, während die Investoren (u.a. die IKB) ihren Einsatz vollständigen nach wenigen Monaten verloren.

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