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Zeuge belastet HSH-Vorstand Strauß und Friedrich.

6 Dezember 2013

Der angeklagte HSH-Vorstand hat die Aussage des Zeugen am 30. Verhandlungstag sicher mit Spannung erwartet. Martin v.G., 43 Jahre alt, promovierter Mathematiker und Risikofachmann, leitete nämlich im Jahr 2007 das Group Risc Management — und war nah dran am Vorstand. Seine Abteilung hatte die wesentlichen Risiken, denen der HSH Konzern ausgesetzt war, zu benennen, zu messen und zu bewerten. Um die Risikoabschätzung einzelner Geschäfte kümmerte sich das Kredit Risikomanagement.

Kapitalquoten wichtig für Rating 

Im Zeugenstand erzählte v.G., dass aus seiner Sicht die HSH Mitte 2007 „angespannte Kapitalquoten“ hatte: die HSH stand also mit zu wenig eigenem Kapital da, weil z.B. die Immobiliensparte zu viele neue Kredite an Bauherren vergeben und dadurch (interne) Kennziffern überschritten hatte.

Zu wenig Eigenkapital sehen Ratingagenturen aber gar nicht gern; das Rating sei für die HSH aber „maßgebend“, um sich u.a. von anderen Banken Geld zu leihen, erzählte Zeuge v.G. Deshalb habe der HSH-Vorstand Ende 2007 die kapitalentlastenden Finanzgeschäfte verstärkt, so der Zeuge, – auch solche, wie Teil A von Omega 55.

(siehe auch: Motive des Vorstandes für Omega 55) 

Die strengen Vorgaben der Sparkassenfamilie

Die internen Kennziffern scheinen aber auch dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband DSGV wichtig gewesen zu sein. Als Landesbank gehört die HSH nicht nur den Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein, sondern auch zu etwa 10 Prozent dem Sparkassen- und Giroverband Schleswig-Holstein (SGVSH), der wiederum Mitglied im DSGV ist.

So berichtet Zeuge Martin v.G., wenn die Mitglieder des Sparkassenverbundes bestimmte Gesamtkennziffern nicht einhalten, müssen die Institute häufiger und detailreicher Daten an den Sparkassendachverband liefern. Werden bestimmte „Schwellenwerte“ nun unterschritten, wie die Eigenkapitalquote, die mindestens 8,5 Prozent betragen muss, darf der Sparkassenverband in die Geschäftspolitik des schwächelnden Instituts eingreifen.

Ob der HSH Vorstand das befürchtete, verbunden mit Gesichtsverlust? 

Solche Verluste hatte HSH noch nicht gesehen

Im internen Rechenwerk jedenfalls war bei der HSH viel los. Die Nordbank musste wie alle europäischen Banken ihre Bilanzierung im Jahr 2007 auf internationale Standards umstellen, auf IFRS. Parallel dazu zog die Bankenkrise herauf. Das brachte plötzlich täglich stark schwankende Gewinne bzw. Verluste mit sich – was die HSH-Nordbanker bisher noch nicht gesehen hatten, sagte Zeuge v.G. 

Die Schwankungen kamen vor allem aus dem Kredit-ERSATZ-geschäft, in dem Anfang 2007 mehr als 30 Milliarden Euro steckten – in teils extrem komplizierten Finanzvehikeln. Deren Werte sackten mit Verschärfung der Bankenkrise immer weiter ab. Nach internationalen Bilanzstandards MÜSSEN solche Wertverluste aber täglich errechnet und als Verluste oder Gewinne ausgewiesen werden, nach deutschen Bilanzstandards, nach HGB, war das nicht nötig. 

Schaden begrenzen mit Bilanzkosmetik? 

Es ging also um Schadenbegrenzung 2007. Der HSH-Vorstand und das Group Risc Management telefonierten in dieser Zeit wöchentlich, erzählte Zeuge Martin v.G. In diesen Telefonkonferenzen habe man auch darüber gesprochen, wie die enormen Schwankungen in der Gewinn- und Verlustrechnung eliminiert werden könnten.

Man dachte über „Ummantelungen durch Zweckgesellschaften“ nach.

Die Idee dahinter: Die Bank verkauft ihre Problempapiere (das Kreditersatzgeschäft) an eine Zweckgesellschaft in einer Steueroase. Die Bank gewährt dann dieser Gesellschaft eine Art Dispositionskredit, um Verluste auszugleichen. Damit ist die Bank ihre Problempapiere los, ohne den „Dispositionskredit“ bilanzieren zu müssen. Das ganze hat aber einen Haken. Die Verluste schlagen später doch auf die Bilanz durch. 

HSH-Vorstände entscheiden gegen Bilanztrick — noch

Der promovierte Zeuge berichtet, dass in den Telefonkonferenzen dieser legale Bilanztrick als „Bilanzkosmetik“ eingestuft und „die Idee nicht weiter verfolgt wurde“. 

Teilnehmer dieser Telefonkonferenzen waren der Zeuge selbst, Risikovorstand Hartmut Strauß, Kapitalmarktvorstand Friedrich und der Sprecher der Luxemburger HSH-Tochter Securities S.A., Rainer H. 

Der Zeuge belastet mit dieser Aussage die Vorstände Strauß und Friedrich. Denn das, was diese in der Telefonkonferenz als „Bilanzkosmetik“ eingestuft haben, setzten sie später mit Omega 55 um – in Teil-B.

Omega war nämlich über eine Zweckgesellschaft strukturiert, der die HSH über Teil-B eine Art „Dispo“ in Höhe von rd. 2,4 Milliarden Euro gewährte – ohne diesen „Dispo“ bilanzieren zu müssen (Fachbegriff: Liquiditätsfaszilität). (Dieser „Dispo“ wurde zum 21. April 2008 auf die Höhe der STCDO (Teil-B) reduziert, und damit auf 400 Millionen Euro, weil die HSH Teil-A von Omega 55 gekündigt hatte.) 

War Omega 55 bewußt eingesetzte Bilanzkosmetik?

Mit einer weitere Aussage belastete der Zeuge sogar den gesamten HSH-Vorstand.

Seine Abteilung, das Group Risc Management, habe bereits im Sommer 2007 festgelegt, wie „synthethische CDOs“ – und damit auch ummantelte Zweckgesellschaften wie Teil-B von Omega – in der Bilanz darzustellen sind, nämlich als „designated at fair value“, also zum Zeitwert.

Omega 55 wurde trotz dieser Festlegung in der Bilanz falsch als 400-Mio-Kredit dargestellt, ohne die eingetretenen Wertsschwankungen, was im ersten Quartal 2008 zu einem Gewinn statt eines Verlustes führte. 

Wer entschieden hat, Omega 55 zum VORTEIL der Bank zu bilanzieren, wußte der Zeuge nicht.

Leider hakten die Richter hier nicht nach und fragten den Zeugen, wie es sein könne, dass Omega falsch in der Bilanz dargestellt wurde, trotz seiner Vorgaben.

Schließlich wird Dirk Jens Nonnenmacher und Joachim Friedrich neben dem Untreuevorwurf auch Bilanzfälschung zur Last gelegt. 

30 Milliarden Bürgschaft

Als Omega 55 im September / Oktober 2008 einen dreistelligen Millionenverlust verursachte (zum 31.10 waren es rd. 310 Mio Euro), den Vorstandschef Berger der Bankenaufsicht meldet, beauftragt der Zeuge v.G. als Verantwortlicher für das Risikomanagement seine Mitarbeiter, bestimmte Geschäfte, darunter Omega 55, zu analysieren.

Heraus kam eine Abhandlung, nach deren Lektüre v.G. sofort klar war: „hier drohen bilanzielle und organisatorische Belastungen“. Das sei am 3. November 2008 gewesen, sagte der Zeuge. V.G. habe daraufhin sofort Ressortvorstand Dirk Jens Nonnenmacher kontaktiert.

Noch am selben Tag beantragt die HSH Staatsbürgschaften von bis zu 30 Milliarden Euro. (Am 15. September 2008 war die US-Investmentbank Lehman Brothers insolvent gegangen.) 

Risiken zählten für Mitarbeiter nicht viel

Insgesamt bescheinigte der gehörte Zeuge den HSH Mitarbeitern zu dieser Zeit ein kaum ausgeprägtes Risiko-Gespür. Dass namhafte Risiken schlagend werden können, sagte Martin v.G., hatte die HSH vor dem Jahr 2006 noch nicht erfahren. Die HSH Mitarbeiter „ermöglichten Geschäfte“, statt sich mit den damit verbundenen Risiken realistisch auseinander zusetzen. „Die Risikomessansätze waren nicht mehr adäquat“, so der Zeuge. 

Die schwierige Niederlassung in London

Der äußerst redegewandte Martin v.G. berichtete dem Gericht auch von seinen zwiespältigen Gefühlen gegenüber der Londoner Filiale. Die Filiale sollte eigentlich Geschäfte mit Banken und Finanzdienstleistern anbahnen, aber keine eigenen Finanzkonstrukte wie Omega oder St. Pancras aushecken.

V.G. empfand die Niederlassung als „schwierig“. Warum, fragte Richter Bruns? Weil die Londoner Kollegen z.B. bei der Transaktion „Magnolia“ keinen NPNM-Prozess gestartete hatten, der die Risiken und Chancen des neuen Finanzgeschäfts prüft, und weil „Magnolia“ in der Bilanz falsch abgebildet worden war. Zwei Regelverstöße auf einmal.

V.G. entschloss sich deshalb, „bei London genau hinzuschauen“ und schickte im Sommer/Herbst 2008 einen seiner Mitarbeiter in die Niederlassung, um den Kollegen auf die Finger zu sehen und die bisher getätigten Geschäfte zu durchleuchten. 

Martin v.G. verließ 2012 die HSH Nordbank auf eigenen Wunsch. Er arbeitet jetzt als Vorstand bei einer Sparkasse.

3 Kommentare Auch mitreden →
  1. bescheidwisser permalink
    13. Dezember 2013 @ 21:50

    Aber warum war das Rating so bedeutend, dass schon die Möglichkeit einer Ratingverschlechterung den Vorstand der HSH Nordbank offenbar zu waghalsigen Kaptialentlastungstransaktionen verleitet hat ?

    In der Vergangenheit sah das Geschäftsmodell einer Landesbank – vereinfacht – wie folgt aus: Mit der Staatsgarantie in Form von Anstaltslast und Gewährträgerhaftung im Rücken auf dem internationalen Kapitalmarkt günstig Geld mit kurzer Laufzeit aufnehmen, um es dann teuer (in ebenso internationale) Großkredite mit langer Laufzeit zu investieren. Und natürlich ein bisschen Sparkassenzentralbank und heimisches Firmenkundengeschäft betreiben.

    Warum die Geldaufnahme auf dem internationalen Kapitalmarkt ? Aufgrund der Arbeitsteilung in der Sparkassenorganisation ist das Privatkundengeschäft inkl. (Spar-) Einlagen den Sparkassen vorbehalten und den Landesbanken (direkt) verschlossen.

    Und für die Geldaufnahme auf dem internationalen Kapitalmarkt – im Endeffekt bei anderen Banken – ist natürlich Urteil der großen internationalen Ratingagenturen (beherrschen 97% des Ratingmarktes) von entscheidender Bedeutung.

    „Die Refinanzierung über Einlagen von Nicht- banken ist unterdurchschnittlich (Gesamtmarkt: 39%) bzw. der Bestand an Einlagen von Banken überdurchschnittlich (Gesamtmarkt: 29%).
    Auf der Aktivseite wie auf der Passivseite der Landesbanken überwiegen die Geschäftsbezie- hungen zu Kreditinstituten, was den genossenschaftlichen Zentralbanken sehr ähnlich ist. Dies ist einerseits Folge der geringen Bedeutung des Retailgeschäfts und andererseits Ausfluss der Zentralbankfunktion innerhalb der Sparkassen-Finanzgruppe.“

    Zitat aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung „Die Zukunft der Landesbanken – Zwischen Konsolidierung und neuem Geschäftsmodell“

  2. bescheidwisser permalink
    18. Dezember 2013 @ 22:20

    Dazu kommt noch: Im betreffenden Zeitraum war die HSH Nordbank der weltweit größte Schiffsfinanzierer.

    Und was bedeutet (vereinfacht gesagt) das Thema Schiffsfinanzierung für die Refinanzierung der Bank ?

    Schiffsfinanzierung = USD-Refinanzierung, Langfristig, Große Volumina

    (Zitat aus Vortrag von Christian Nieswandt, Global Head Shipping HSH Nordbank vom 11.06.2012 im Rahmen des Hamburger Schifffahrts-Dialog)

    USD-Refinanzierung, Langfristig, in großen Volumina gestaltete sich nur gerade Ende 2007/Anfang 2008 besonders schwierig. Es liegt auf der Hand, das dafür die ausländischen Kapitalmärkte herangezogen werden mussten.

    Nach einer Untersuchung der „Bank for International Settlements“ (BIS), die diesen Zeitraum beschreibt:

    An important aspect of the turbulence was a shortage of dollar funding for many financial institutions: frequently reported were efforts by European financial institutions to secure dollar funds to support US conduits for which they had committed backup liquidity facilities. At the same time, the usual suppliers of dollar funds to the interbank market were looking to conserve their liquidity, due to their own growing needs and increased concerns over counterparty credit risk.“

    (aus „The spillover of money market turbulence to FX swap and cross-currency swap markets“ BIS Quarterly Review March 2008)

    Somit bestand also bereits ein Nachfrageüberhang in der USD Refinanzierung europäischer Banken und erhöhte Bedenken hinsichtlich des Kontrahentenausfallrisikos auf Anbieterseite (schliesslich waren bereits zur Beginn der Finanzkrise auch in Deutschland Banken wie die IKS und die Sachsen LB praktisch über Nacht ausgefallen bzw. mussten gerettet werden).

    Diese Situation erschwerte für die HSH sicher die Möglichkeit, sich im USD zu refinanzieren und verstärkte die Bedrohung durch eine mögliche Ratingverschlechterung.

    Wenn dann im Rahmen der Fristentransformation langlaufende Kredite nur mit sehr kurzer Geldaufnahme refinanziert wurden, konnte es für die Bank auch ganz schnell zu Ende gehen…

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