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Lüge oder Lücke.

25 September 2013

Ich frage mich oft, während ich den Zeugenaussagen lausche: Was geht wohl jetzt den sechs Beschuldigten durch den Kopf, wenn sie hören, sich anhören müssen (!), wie ihre Mitarbeiter geackert haben bei diesem irren Geschäft Omega 55, dass 12-Stunden-Tage und länger normal waren Ende 2007, wie sie alle unter extremem Druck standen, und wenn sie sehen, wie sich die Zeugen teilweise winden unter den Fragen und Augen ihrer ehemaligen Chefs und sich an vieles nicht erinnern können (oder wollen?).

Wie fühlt sich das für die ehemaligen Vorstandschefs an, wenn sie hören, wie mangelhaft die internen Strukturen der HSH waren, zu welchem Verhalten ihre eigenen Vorgaben geführt haben und welche Fehler ihre Mannschaft gemacht hat?   

Wir werden es vermutlich nicht erfahren. Wir Prozessbeobachter können auch keine Rückschlüsse von äußerlichen Regungen ziehen, was die Angeklagten möglicherweise denken. Denn wir sitzen hinter ihnen und sehen nur ihre Rücken – Rücken, die oft gebeugt sind vom mitschreiben.

Ungeheuerliche Zusammenhänge

Was die beschuldigten Vorstände am 17. Verhandlungstag (und am 16. Tag) von der früheren Mitarbeiterin der Rechtsabteilung, Vera S., zu hören bekamen, hatte jedenfalls das Zeug, die Fassung zu verlieren.

Mit Omega 55 haben die Vorstände ein gerade auch in rechtlicher Hinsicht höchst komplexes Geschäft genehmigt. Die Prüfung des Geschäfts durch die Rechtsabteilung war verpflichtend. Die Juristen sollten beurteilen, ob mit Omega das Eigenkapital der Bank entlastet wird und alle von der Bankenaufsicht vorgeschriebenen Regeln eingehalten werden. Ohne Zustimmung der Rechtsabteilung hätte es Omega nicht gegeben. Die Rechtsabteilung stimmte zu, sagte: „Ja, durch Omega wird das Eigenkapital entlastet.“.

So zumindest erinnerte sich der erste Zeuge im Prozess, Marc S.
S. hatte die Vorstandsvorlage zu Omega 55 in der Londoner Niederlassung ausgearbeitet. 

Juristin widerspricht Omega-Koordinator Marc S.

Diese Aussage hätte die Zeugin Vera S. bestätigen können. Hat sie aber nicht. Im Gegenteil.

Die Juristin Vera S. berichtete vielmehr, Omega sei der Rechtsabteilung das erste Mal Ende November 2007 vorgestellt worden, da sei sie im Urlaub gewesen. Deshalb habe ihr Kollege Dr. Sascha E. Omega übernommen. Dieser hätte aus London eine graphische Skizze des Geschäfts erhalten, die wiederum von BNP Paribas stammte (siehe dazu Zeugenaussage Marc S., der diese Skizze vor Gericht nicht erklären konnte). 

Eine Skizze mußte reichen

Anhand dieser Skizze habe Sascha E. eine erste rechtliche Einschätzung gegeben, erzählte Vera S. Diese Einschätzung schickte er Anfang Dezember 2007 per E-Mail zu den Kollegen nach London, mehr nicht. (Anmerkung: Tatsächlich existiert eine eMail von Sascha E. vom 27. November 2007 an den Londoner Kollegen Steven P. mit Vorschlägen zu Teil A, der Entlastungstransaktion, aber nicht für das Gesamtgeschäft. Den zweiten Teil von Omega erwähnt der Jurist in seiner Mail nicht. Er selbst erinnert sich an eine eMail Anfang Dezember 2007 an Marc S., dem Vorgesetzer von Steven P. ) Für eine endgültige Beurteilung hätten mehr Informationen vorliegen müssen, sagte die Zeugin. 

In der Vorstandsvorlage zu Omega 55 steht zwei Wochen später: „Die Rechtsabteilung hat die Struktur des Geschäfts genauestens („vigorously“) geprüft und letztlich genehmigt (ultimately approved).“ Lüge oder … ?

Nur Teil-A geprüft im hektischen Dezember

Als sie und ihr Kollege Dr. Sascha E. Anfang 2008 (! als Omega schon unterschrieben ist) die Vorstandsvorlage zu Gesicht bekommen, „haben wir uns nicht gefreut“, erzählte Vera S. dem Gericht.

Denn nach ihrer Aussage hat die Rechtsabteilung Omega 55 nicht freigegeben, sondern nur diese eine erste Einschätzung durch Dr. Sascha E. erteilt. Zudem habe sich die Einschätzung nur auf Teil-A des Deals bezogen, also auf den Teil, der das Eigenkapital der HSH entlasten sollte.

Als sie gelesen hatte, was da in der Vorlage drin steht, habe sie sofort mit dem Koordinator in London, Marc S., telefoniert. Es sei ein „kritisches Telefonat“ gewesen, das „nicht konsensual zu Ende gegangen ist“, sagte Zeugin Vera S.

Zeugin hat von Omega abgeraten

Die Zeugin will sogar den Leiter der Londoner Niederlassung, Luis Marti-Sanchez, in einem Telefonat empfohlen haben, Omega 55 nicht abzuschließen, worauf Marti-Sanches sagte: „Um ehrlich zu sein, wir müssen das Geschäft tätigen.“ 

Lügt einer?

Wann also hat die Rechtsabteilung was geprüft und freigegeben? Wer sagt dazu die Wahrheit? Vor Gericht jedenfalls widersprechen sich die Zeugen.

Eigentlich müsste sich so ein wichtiger Sachverhalt durch Dokumente, Gesprächsnotizen, Sitzungsprotokolle und schriftliche Analysen belegen lassen. Aber all das gibt es in diesem Fall nicht. Nur diese eine eMail von Sascha E. ist dokumentiert – und sie datiert offenbar von Ende November 2007. Alles andere blieb nur ausgesprochen … 

Nichts dokumentiert

Für die Dokumentation habe damals die Zeit gefehlt, gibt Vera S. vor Gericht zu. Kaum etwas zu dokumentieren „war ein Fehler“, der sie „im Nachgang auch geärgert“ habe. Sie habe Ende 2007 häufig von 8 bis 23 Uhr gearbeitet. Das sei „nicht mehr schön“ gewesen und eine „außergewöhnliche Zeit.“

Dass es einen Teil-B gebe, in dem die Bank die in Teil-A abgegebenen Risiken wieder zurücknimmt, will die Zeugin ebenfalls erst im Januar 2008 erfahren haben. Als sie es wußte, habe sie sofort gegenüber dem Londoner Niederlassungsleiter Luis Marti-Sanchez Bedenken geäußert, weil ein Kreislaufgeschäft das Eigenkapital nicht entlastet. Marti-Sanchez aber habe ihre Bedenken nicht geteilt, weil Teil-A im Jahr 2007 liege und Teil-B 2008 abgeschlossen werde. Diese zeitliche Zäsur teile Omega 55 folglich in zwei Geschäfte.

Der Leiter der Rechtsabteilung, Dr. Wolfgang Gössmann, bestätigte Vera S., dass durch die zeitliche Trennung Omega aufsichtsrechtlich als in Ordnung anzusehen ist. So erinnert sich Vera S. jedenfalls.

Sie habe daraufhin Marti-Sanchez empfohlen, das vom Vorstand genehmigen zu lassen. Worauf hin Marti-Sanchez erwidert haben soll: Das habe er schon, außerdem sei er in einem laufenden Austausch mit dem Vorstand. 

Wer erinnert sich richtig?

Vera S. Bedenken waren damit nicht zerstreut, sie habe letztlich im Januar 2008 aber doch ihr o.k. gegeben, mündlich, zum Teil-B, weil ihr Vorgesetzter Dr. Gössmann ihr letztlich keine Wahl ließ. Es sei eine aufsichtsrechtliche Grauzone gewesen, sagt sie heute. Schriftlich hat sie nichts ausgearbeitet, genauso wenig wie ihr Kollege Sascha E. Gesprächsnotizen der geführten Telefonate, die die Aussage der Zeugin stützten könnten, existieren nicht.

Wichtig: Die Vorstandsvorlage zu Omega 55 stellt beide Teile dar und setzt sie in Zusammenhang. Die Vorstände haben das Ende Dezember 2007 unterschrieben. Und so, wie es sich jetzt darstellt, ohne umfassende rechtliche Prüfung.

Wer erinnert sich hier richtig? Oder wer redet sich die Vergangenheit schön?

Dr. Sascha E. jedenfalls ist auch als Zeuge geladen, genauso wie der Leiter der Rechtsabteilung, Dr. Wolfgang Gössmann.

(Die HSH kündigte übrigens ihrem Chefjustiziar Wolfgang Gössmann zum 30. September 2011 wegen des Verdachts auf Untreue. Das Arbeitsgericht Hamburg bestätigte die Entlassung als rechtens.)
 

2 Kommentare Auch mitreden →
  1. bescheidwisser permalink
    15. Oktober 2013 @ 20:41

    „Eine Skizze musste reichen“ – noch dazu noch nicht mal selbst erstellt, sondern vom Kontrahenten zugeliefert ? Das war alles ? Das ist unglaublich.

    Damit ist ja offenkundig, dass der Vorstand ohne ausreichende rechtliche Prüfung – nur aufgrund der Zusicherungen aus London das Geschäft durchgewunken hat.

    • 16. Oktober 2013 @ 10:04

      So sieht es zumindest aus oder stellt sich dar nach Aussage der Juristin Vera S. Am 17. Oktober, 9:30 Uhr, geht der Prozess weiter und da ist dann ihr Kollege. Dr. Sascha E. geladen, der diese erste rechtlichen Prüfung abgegeben hat.
      Wir alle sind gespannt, ob er die Aussagen von Vera S. stützt oder etwas ganz anderes erzählt.

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